Mein erstes Korsett {MMM}

Das Korsett ist das wohl am meisten missverstandene Kleidungsstück der Bekleidungsgeschichte. Ich will jetzt nicht auf die verschiedenen Vorurteile und Missverständnisse eingehen, das haben andere schon ausführlich getan. Heute soll es um einen eher wenig beachteten Aspekt des Korsetts gehen. Denn das Korsett hatte nicht allein formende sondern auch tragende Funktion. Nicht nur weil es jahrhundertelang den Büstenhalter ersetzte, sondern weil es das Gewicht der vielen Kleidungsschichten verteilte und so das bequeme Tragen extravaganter, ausladender Kleider erst ermöglichte.

Mein erstes Korsett | www.zeitunschaerfe.de

Denn selbst einfache Kleider bestanden über mehrere Epochen hinweg aus diversen Lagen. Angefangen mit einem formgebenden Unterbau - Reifrock oder verschiedene Polster (letztere waren auch in der arbeitenden Bevölkerung vertreten) - folgten Unterrock, Rock und Überrock. Vier Lagen Stoff, die auf der Taille sitzen und mit vielen Kilos daran ziehen und einschneiden.

Heute ist das Korsett von der Unterbekleidung nach außen gewandert. Mit hübschen Stoffen, diversen Verzierungen und verschnörkelten Verschlüssen ist es in einigen Stilen das modische Accessoire überhaupt. Damit fällt allerdings auch seine tragende Funktion weg.

Das musste ich schmerzhaft feststellen, seit ich kein Kissen mehr unter den Tournürenkleidern trage, sondern einen Minireifrock. Das Kissen hatte wesentlich mehr Auflagefläche und konnte so etwas Druck von der Taille nehmen. Und trotzdem, auch mit Kissen, tat es am Ende des Tages doch gut weh. Das habe ich damals noch auf’s Korsett geschoben, heute bin ich schlauer.

Deswegen stand eigentlich schon lange ein einfaches Unterkorsett auf dem Nähplan. Aber ich habe mich nie rangetraut, weil es ja trotzdem ein Korsett ist und Korsetts sind aufwändig, schwer anzupassen und kompliziert.

Die Idee dazu kam von der lieben Tutursula von Ungefähr, die ein solches für das Hochzeitskleid ihrer Tochter genäht hat. Also habe ich mich an sie gewandt um noch ein paar Unklarheiten in der Konstruktion zu klären. Nach sehr umfassender Berichterstattung von Tutti, fühlte ich mich bereit das Projekt „erstes Korsett“ dann auch zugehen.

Mein erstes Korsett: Zuschneiden  | www.zeitunschaerfe.de

Das Schnittmuster habe ich nach der sehr ausführlichen Anleitung von Katafalk konstruiert. Pro Seite drei Paneele. Die Maße sind von dem kurvigsten meiner Korsetts abgenommen. Dabei ist mir aber entfallen, dass ich das Korsett nicht komplett schließen kann. Dementsprechend war der erste Test auch etwas zu klein.

Mein erstes Korsett: Anprobe  | www.zeitunschaerfe.de
Anprobe

Der zweite Test passte dann bzw. würde passen sobald man es Schnüren könnte. Die Kanäle hab ich mit einer Art Folded Seam Methode genäht. Nur eben einlagig, weil ich nicht gleich zwei Lagen Stoff zuschneiden wollte, bevor ich mit dem Schnitt zufrieden bin. Innen habe ich einfach die Nahtzugaben auseinander gebügelt und abgesteppt.

erstes Teststück von innen und fertiges Korsett von außen und innen | www.zeitunschaerde.de
Oben: das erste Teststück von innen (ja, das sind Kabelbinder); Unten: fertiges Korsett außen (links) und innen (rechts)

Auf den Bildern vielleicht nicht so deutlich zu sehen, aber das Korsett ist oben rum zu weit. Deswegen rutsch es immer etwas hoch. Die vielen Falten sind der Konstruktion geschuldet. Eine so starke Reduktion würde man normalerweise auf wesentlich mehr Paneele verteilen. Außerdem sind zu wenige und zu dünne Stäbe drin. Vorn und hinten 10mm Federstahl und in den Seiten je ein 6mm Spiralstab pro Naht. Hier wären zwei Stäbe, einer links und rechts der Naht, besser gewesen. Andererseits war die Prämisse alles möglichst leicht zu halten, weil ja noch ein Korsett drüber kommt.

Mein erstes Korsett von hinten | www.zeitunschaerfe.de

Was ich komplett vergessen habe, ist ein Taillenband. Das kommt normalerweise noch auf Höhe der Taille - war hätt’s gedacht? - entweder zwischen die Lagen oder innen rein, um die Stelle der stärksten Belastung zu verstärken. Aber da dieses Korsett ja hauptsächlich unter einem anderen Korsett getragen wird, das die Arbeit macht, sollte es auch so reichen.

Fazit:
Korsettkonstruktion ist gar nicht so schlimm, aber trotzdem ne Menge Arbeit.

Ob das Unterkorsett seinen Zweck erfüllt, werde ich bei der nächsten Gelegenheit mit Tournüre feststellen. Tragbar ist es zumindest im Lagenlook mit einem zweiten Korsett. Allerdings sind nicht alle meine Korsetts so kurvig wie das Unterkorsett. Das sieht man in der Kombination auch. Deswegen werde ich wohl noch ein geraderes Unterkorsett nähen. Der Stoff sollte dafür noch reichen.
Aber ich bin trotzdem stolz drauf und zeige mein Machwerk deswegen auch beim Me Made Mittwoch.

Stoffbilanz:
Gewicht: 260 Gramm oder 0,85m weniger

Kommentare:

  1. sehr spannend! ich bin Korsett-geschädigt, da ich in meiner Jugend ein medizinisches tragen musste, was ausgesprochen unschön war und mir viele Komplexe eingefangen hat. daher würde ich das wohl nie wieder ein wie auch immer-geartetes Korsett tragen wollen.
    aber ich finde Deine Beschreibungen trotzdem sehr interessant zu lesen! vielen Dank dafür

    Nadi

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    1. Hallo Nadi,
      ein gut sitzendes Korsett ist echt bequem und eine Wohltat an einem langen Tag auf den Beinen. Aber ich hoffe dein altes medizinisches Korsett hat damals wenigstens etwas gebracht. Nicht so wie meine auch ganz schön unbequeme Zahnspange aus Jugendtagen.
      Grüße,
      Zedena

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  2. Ich habe schon einige Male spannende Dinge über Korsettes gelesen. toll wenn man sich das Teil auch noch selber nähen kann. Nachdem ich als jugendliche aus orthopädischen Gründen ein Korstett tragen musste und darunter auch litt - kommt so ein Kleidungsstück für mich nie und nimmer in Frage. Ich belasse es dabei, mir Korsetts bei Dir anzuschauen ;-) LG Kuestensocke

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    1. Hallo Kuestensocke,
      das Korsett ist ein echt spannendes Thema. Auch als gutes Beispiel wie Propaganda und Halbwissen die Tatsachen verzerren. Den entgegen der landläufigen Meinung, (Bekleidungs)Korsetts wären Folterinstrumente, ist ein gut sitzendes Korsett tatsächlich sehr bequem.
      Zumindest hoffe ich ich für dich, dass dein orthopädisches Korsett wenigstens zu etwas nutze war. Ich hatte früher nur eine ziemlich unbequeme Zahnspange, aber immer noch Überbiss und schiefe Zähne ;-)
      Grüße,
      Zedena

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  3. Jetzt bin ich irritiert. Ich habe gedacht, man trägt als erstes das Korsett, darüber den Weiberspeck und dann den Cul de Paris? Im Buch "Historische Schnitte" vom Rundschau-Verlag (hatte ich letzthin gezeigt und Sabine Michaela von Petersilie hat es heute auch erwähnt) ist es so, dass es einen Innen- und Außenrock gibt. Statt der Bänder, die ich bei dir gesehen habe, ist also Stoff und die Stäbchen enden an der Seitennaht. Es muss also nicht pieken. Selbst habe ich noch keinen Reifrock gemacht, kann mir aber vorstellen, dass funktioniert, was dort gezeigt wird. Überhaupt die Überlegung, dass das ganze Gewicht der Klamotten ja verteilt werden muss, macht Sinn. Regina

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    1. Hallo Regina,
      das ist schon richtig, wie schreibst Korsett und dann Cul de Paris (der Weiberspeck oder Bumm Pad kam meistens eher auf den bereiften Rock) zumindest, wenn man das Ganze historisch korrekt betreibt. Da ich nun aber Steampunk bin, trage ich das Korsett ganz frivol außen ;-)
      Liebe Grüße,
      Zedena

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  4. Aha, da war ich mir nicht ganz sicher, an welche Stelle das dicke Polster kommt oder ob es überhaupt noch dazu kommt. Es wurde ja wohl auch einzeln getragen anstelle von Reifrock.
    Ich habe noch etwas über die Tragemöglichkeiten dieses "Exoskeletts" nachgedacht und finde, man sollte den Reifrock mit dem Korsett flexibel verbinden, also ansetzen statt darunter zu lagern. Der Rock würde dann quasi wie eine Gardine darüber drapiert, immer etwas bedeckt von einer Kante des Korsetts. Neue Trageweisen erfordern neue Erfindungen, oder? Regina

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